Ein Ichthys-Garten entsteht

Am südlichsten Zipfel unseres Pfarrgrundstücks befindet sich im Anschluss an den Parkplatz ein knapp 300 m² großes Wäldchen, von Maschendraht und Brombeerbüschen umfasst, seit mindestens 40 Jahren nicht genutzt und kaum betreten. Es wurde bestimmt von 24 mittlerweile recht stattlichen Fichten, die die Vegetation in ihrem Schatten auf wenige Büsche, viel Efeu und Holunder begrenzten.

Nur Kleinstlebewesen, also Käfer und Insekten fühlten sich in dieser ökologischen Nische wohl. Und seit der Jahrtausendwende auch eine Käferart, die unter dem Namen „Borkenkäfer“ zu trauriger Berühmtheit aufstieg. Die Fichten litten, aber sie hielten sich standhaft, bis ihnen die trockenen Jahre 2017 und 2018 endgültig den Rest gaben. Das Hitzejahr 2019 schließlich trocknete die Fichten so weit aus, dass schon leichte Winde die ersten großen Äste abknickten.

Ende 2019 mussten wir die Bäume roden, 21 in Eigenarbeit, die restlichen drohten bei einer Fällung auf Nachbargrundstücke und davor geparkte Autos zu fallen, so dass eine Spezialfirma mit deren Beseitigung beauftragt wurde.

Kaum waren aber die ersten Bäume gefallen, lockte das Sonnenlicht, das nun auf den Boden traf, die ersten Blumen hervor. Vögel kamen, noch mehr Insekten machten sich an die Nutzung der neu erschlossenen Futterquellen. Eine große Vielfalt an Büschen und Bäumen wurde sichtbar, alles bis dahin unter den Fichten verborgen. Und das Wäldchen präsentierte sich endlich in seiner ganzen Größe – unvorstellbar, dass dieser Teil unseres Pfarrgrundstücks ungenutzt geblieben war!

Und so stellten die unterschiedlichsten Menschen in unserer Gemeinde unterschiedliche Überlegungen zur Nutzung dieses Stückchens Natur an: Nichts wurde ausgelassen, selbst eine Erweiterung des Parkplatzes hatte darin ihren Platz. Aber entschieden haben wir uns nunmehr für die Gestaltung eines meditativen Gartens in der Tradition asiatischer Gärten: Natur und Kontemplation. Unser Konzept sieht vor, ohne größere Eingriffe die Bäume und Pflanzen wachsen zu lassen, so wie es kommt. Nur ein Weg soll hindurchführen und zu Betrachtung und Besinnung einladen. Wie könnte dieser Weg anders gestaltet sein als in der Form des Fisches, des Ichthys-Symbols? Dieser Weg soll als Barfußpfad mit Rindenmulch gestaltet sein, die Baumstämme rundherum laden zum Verweilen ein und werden in den kommenden Jahren langsam durch Kleinstlebewesen zersetzt und schließlich zu Humus zerfallen. Das, was man normalerweise als Beete bezeichnen würde, soll sich selbst überlassen werden - die Natur scheint uns doch der perfekte Gestalter zu sein! Nur wenige Pflanzen wollen wir ansiedeln, unter anderem Walderdbeeren und Himbeeren (alles aus „eigener Produktion“) sowie als Zentrum und Blickfang eine Winterlinde, die besonders unseren veränderten klimatischen Bedingungen trotzt und als Bienenweide gilt.

Das restliche Totholz dient an der Garagenwand aufgestellt als Überwinterungsplatz für Insekten, der am südlichen Zaun aufgehäufte Reisigwall soll Kröten, Igeln, Nagern und Echsen als Refugium dienen. Infotafeln sollen schließlich auf einzelne Pflanzen und Zusammenhänge an diesem ökologischen Ort verweisen.

Der Weg selbst schließlich soll verschiedenen Gemeindegruppen zur Besinnung, zur Meditation oder einfach nur zur Erholung dienen. In einem Stadtteil mit gepflasterten Hofeinfahrten und geschotterten Vorgärten vielleicht ein Affront, vielleicht aber auch Erholung für Auge und Seele! Der Garten wird aus Haftungsgründen nur über das Pfarrgrundstück erreichbar sein und an die Rasenfläche südlich des Pfarrheims angebunden werden.

Maria Otto, Kerstin Sobania, Andreas Meisig