Sonntagsimpuls

Fünfundzwanzigster Sonntag im Jahreskreis | 20. September 2020

Hat mein Leben einen Sinn? Weiß ich, wofür ich lebe, arbeite, leide? Kein Mensch, der über sich selbst nachdenkt, kommt an dieser Frage vorbei. Und keiner kann selber seinem Leben den letzten Sinn geben. Aber er kann ihn entdecken, noch in der elften Stunde. Und dann weiß er, dass er nicht umsonst gelebt hat; dass in seinem Warten und Suchen immer schon Gott anwesend war und auf ihn gewartet hat, wie man auf einen Freund wartet.

Tagesgebet

Heiliger Gott, du hast uns das Gebot der Liebe zu dir und zu unserem Nächsten aufgetragen als die Erfüllung des ganzen Gesetzes. Gib uns die Kraft, dieses Gebot treu zu befolgen, damit wir das ewige Leben erlangen. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Erste Lesung

Lesung aus dem Buch Jesája

Sucht den Herrn, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah. Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne. Er kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.

 

Antwortpsalm

Ps 145 (144), 2–3.8–9.17–18 (Kv: vgl. 18a)

Kv Der Herr ist nahe allen, die ihn rufen. – Kv

 

Herr, jeden Tag will ich dich preisen *
und deinen Namen loben auf immer und ewig.

Groß ist der Herr und hoch zu loben, *
unerforschlich ist seine Größe. – (Kv)

Der Herr ist gnädig und barmherzig, *
langmütig und reich an Huld.

Der Herr ist gut zu allen, *
sein Erbarmen waltet über all seinen Werken. – (Kv)

Gerecht ist der Herr auf all seinen Wegen *
und getreu in all seinen Werken.

Nahe ist der Herr allen, die ihn rufen, *
allen, die ihn aufrichtig rufen. – Kv

 

Zweite Lesung

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi. 

Schwestern und Brüder! Ich erwarte und hoffe, dass Christus verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe. Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe. Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht!

 

Evangelium

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denár für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denár. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denár. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denár mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

 

Predigt von Pfarrer Harmening

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Nach der Arbeit im Weinberg von Gott einen Denar bekommen, das heißt übersetzt: Der Mensch bekommt nach seinen Mühen und Leiden hier auf der Erde am Ende als Lohn das Ewige Leben. Und das Ewige Leben lässt sich auch nicht in Kleingeld aufteilen oder verdoppeln oder vervielfachen: Es ist eben nur eines, ein Denar, die Ewigkeit gibt es nur einmal. Und da ist es egal, ob ein Mensch schon von Anfang an in seinem Leben Gott erkennt, oder ob er es erst ganz zuletzt, in den letzten Stunden seines Lebens tut. Der Lohn bleibt der gleiche. Ein Denar.

Zum Glück ist Neid dabei unter den Menschen heute doch relativ selten. Kommt allerdings in Bezug auf Beerdigungen doch schon mal vor. Hier in unserer Pfarrgemeinde habe ich es zum Glück noch nicht erlebt, aber ganz allgemein unter Christen in Deutschland habe ich vereinzelt davon gehört. Es geht um die kirchliche Beerdigung von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind und schon lange keine Kirchensteuer mehr bezahlt haben. Da haben dann doch schon manche gesagt: Da habe ich mein Leben lang gezahlt, und am Ende ist es dann doch egal und jeder, der will, wird kirchlich beerdigt.

Ja, ganz gerecht ist das nicht, aber Gott ist eben großzügiger als wir Menschen, und so wollen wir doch als Kirche versuchen, etwas von dieser Großzügigkeit zu zeigen, gerade angesichts des Todes. Eine größere Gefahr als der Neid ist aber vielleicht der Gedanke an sehr menschliche Tricksereien mit Gott. Warum ein ganzes Leben lang im Weinberg Gottes arbeiten, wenn es auch reichen könnte, erst kurz vor Schluss dazuzukommen? Dafür gibt es ja sogar historische Vorbilder. Der Stauferkaiser Friedrich der II. soll sich z.B. auf dem Sterbebett eine Mönchskutte angezogen haben. Sein ganzes Leben lang hatte er nicht besonders christlich gelebt, aber so kurz vor dem Ende wollte er dann doch lieber wieder erkennbar Christ sein. Vielleicht war es Berechnung? Vielleicht aber doch echte Reue? Wer weiß? Aber die Gefahr, dass wir uns Gott im Leben noch ein bisschen aufsparen für später, die ist wohl schon gegeben.

In diesem Sinne hat sich auch der Kirchenlehrer, der Hl. Augustinus ausgedrückt: Es gab in seinem Leben eine Phase, da konnte er von sich nur sagen: Ach, lieber Gott, befrei mich doch von meinen Sünden, aber bitte nicht so schnell. Das Leben fern von Gott in der Sünde kann schon recht bequem sein. Warum nicht erstmal ein bisschen warten und sich Gott für später aufheben? Es gibt doch nur den Einheitslohn, den einen Denar. Lässt sich so tricksen mit Gott? Es scheint mir doch ein recht gefährliches Spiel zu sein. Denn für unsere bösen Taten möchte Gott unsere Reue. Wie ehrlich aber kann meine Reue sein, wenn ich sie mir aufhebe erst für die Zukunft? Wenn ich jetzt so gerne sündige, in diesem sonderbaren Widerspruch stehe: etwas tue, was ich als falsch erkenne und es trotzdem tue. Wird sich das in Zukunft wirklich ändern?

Aber wenn es um unseren Glauben geht, dann fragt Gott uns nicht nach Vergangenheit oder Zukunft, sondern immer nur nach unserer Gegenwart. Wie steht es jetzt um uns? Unsere Situation ist immer nur die, wie im Gleichnis auf dem Marktplatz. Wir stehen da herum und Gott geht auf uns zu und fragt uns: Wollt ihr bei mir sein und arbeiten in meinem Weinberg? Und da gibt es keine Möglichkeit des Aufschubs oder Ausweichens. Da kann man nicht sagen, ich gehe erst noch mal einen Kaffee trinken, oder mach noch vorher meinen Einkaufsbummel. Jeder, der gefragt wird, ob um die erste Stunde, die dritte, die sechste oder erst in der elften – jeder muss sofort antworten, jeder in seiner Gegenwart. Denn für unseren Glauben kommt es immer nur auf die Gegenwart an. Wie ist es jetzt in diesem Augenblick? Kann ich meine Sünden bereuen und Ja sagen zu Gott? Ich hoffe, wir können es.

Amen.